Professor Jaroslav Šesták erhält die Verdienstmedaille für seine Arbeit in Bildung und Wissenschaft

Ein Pionier der Thermal Analysis

Der 28. Oktober ist ein sehr bedeutendes Datum für Tschechien. Er ist Nationalfeiertag und Jahrestag der Gründung der Tschechischen Republik im Jahr 1918. Zu den traditionellen Feierlichkeiten dieses Tages gehört eine Zeremonie auf der Prager Burg am Abend, bei der wichtige Persönlichkeiten vom Staatspräsidenten geehrt werden.

Unter den diesjährigen Preisträgern (2017) waren der deutsche Altbundeskanzler Gerhard Schröder, der für den Beitritt der Tschechischen Republik zur EU geehrt wurde, der Bürgermeister von Wien, Michael Häupl, und der amerikanische Diplomat Charles Crane. Der unserer Meinung nach wichtigste Preisträger war jedoch unser langjähriger wissenschaftlicher Kollege Professor Dr. Ing. Jaroslav Šesták, der für seine jahrzehntelange Arbeit in Bildung und Wissenschaft mit der hochrangigen Verdienstmedaille ausgezeichnet wurde.

Wir alle kennen Professor Šesták als Pionier der thermischen Analyse ‒ und das nicht nur in der früheren Tschechoslowakei. Ende der 60-iger Jahre konstruierte er mehrere selbstgebaute DTA- und TG-Apparaturen; Anfang der 70-iger Jahre begann er seine Arbeit mit einer kommerziellen DTA von NETZSCH-Gerätebau; dies war gleichzeitig auch der Beginn einer Zusammenarbeit mit dem damaligen Geschäftsführer, Dr. Wolf-Dieter Emmerich. Die Partnerschaft mit unserer Firma besteht bis heute. Wir nutzten diese Gelegenheit für ein kurzes Interview mit Professor Šesták:

Miloš Zeman, Präsident der Tschechischen Republik und Professor Ing. Jaroslav Šesták, DrSc., dr.h.cMiloš Zeman, Präsident der Tschechischen Republik und Professor Ing. Jaroslav Šesták, DrSc., dr.h.c
Miloš Zeman, Präsident der Tschechischen Republik und Professor Ing. Jaroslav Šesták, DrSc., dr.h.cMiloš Zeman, Präsident der Tschechischen Republik und Professor Ing. Jaroslav Šesták, DrSc., dr.h.c
Gerhard Schröder, ehemaliger deutscher Bundeskanzler (1998 - 2005) und Michael Häupl, Bürgermeister von WienGerhard Schröder, Altbundeskanzler (1998 - 2005) und Michael Häupl, Bürgermeister von Wien

INTERVIEW

Miroslav KuleErlauben Sie mir, mich den vielen Glückwünschen zu dieser bedeutenden Auszeichnung für Ihren Einsatz in Wissenschaft und Bildung anzuschließen. Dieser persönlich vom Präsidenten der Tschechischen Republik verliehene Preis ist die wichtigste Anerkennung, die ein Wissenschaftler in diesem Land erhalten kann. Wir alle wissen jedoch, dass Sie bereits mit einer Vielzahl an Preisen und Auszeichnungen gewürdigt wurden.

Ja, das stimmt, diese Verdienstmedaille – noch dazu im Rahmen der Feierlichkeiten eines solch bedeutenden Jahrestages – ist tatsächlich die höchste Auszeichnung, die ich für mein Lebenswerk erhalten habe. Aber ich bin mir sicher, dass es für Sie auch interessant ist zu erfahren, dass ich in der Vergangenheit mit mehreren Auszeichnungen für meine thermoanalytische Forschungsarbeit geehrte wurde – vom nordamerikanischen NATAS-Award im Jahr 1975, über zwei russische Kurnakov-Medaillen in den Jahren 1988 und 2013, dem Bodenhemer-Preis der Israelischen Gesellschaft im Jahr 1988, dem internationalen ICTACT Award im Jahr 1990, und die Heyrovsky-Medaille der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik im Jahr 1996 bis hin zum 2014 verliehenen NETZSCH-Award.

Miroslav KuleJeder, der schon einmal mit Ihnen zusammengearbeitet hat, weiß, dass Ihre Arbeit sehr umfangreich ist – und das nicht nur im Bereich der Thermischen Analyse. Wie würden Sie Ihre Arbeit den Lesern, die Sie nicht so gut kennen, beschreiben?

Prof. Jaroslav Šesták: Jeder, der sich schon einmal eingehender mit meinem Werdegang beschäftigt hat, weiß, dass ich fast dreihundert Fachbeiträge verfasst habe, Hunderte von Fach- und allgemeinen Vorträgen gehalten habe und im Jahr 2000 einer der 20 meist zitierten tschechischen Wissenschaftler im Bereich der Thermodynamik war. Ich war an der Entstehung neuer Wissenschaftszweige beteiligt, wie der kinetischen Phasendia-gramme, der Theorie der Glasbildung, der „thermodynamical economics“ oder der nicht-isothermen Kinetik, wo die Šesták-Berggren-Gleichung zum Beispiel über 1000 Mal zitiert wurde. Ich habe fünfzehn Bücher geschrieben/herausgegeben, zu denen das am häufigsten zitierte Buch „Science of Heat and Thermphysical Studies: a generalized approach to thermal analysis” (Elsevier, 2005) gehört sowie das neueste innovative “Thermal Physics and Thermal Analysis” (Springer, 2017), das zu den zwanzig besten Büchern des Verlags zählt.

Miroslav KuleSie sind jedoch nicht nur im Bereich Veröffentlichungen aktiv, auch Ihre Arbeit im Bildungswesen und der Weitergabe thermoanalytischer Konzepte ist wichtig.

Prof. Jaroslav Šesták: Ich war einer der Mitbegründer mehrerer Institutionen, wie z.B. der School of Energy Science der Universität Kyoto in Japan, der Fakultät für Geisteswissenschaften der Karls-Universität in Prag und der tschechischen Außenstelle der Universität New York in Prag, wo ich zwanzig Jahre lang über das interdisziplinare Thema „Über die Grenzen zwischen Wissenschaft und der Philosophie der Natur“ Vorlesung hielt. Ich bin auch Gründungsmitglied der Fachzeitschrift Thermochimica Acta (Elsevier, 1969), J. Mining and Metallurgy (Bor, 1996) und Int. J. Applied Glass Research (Wiley, 2009) und Mitbegründer der interdisziplinaren Wärmewissenschaften.

Miroslav KuleBleibt Ihnen da überhaupt noch Zeit für Interessen und Hobbies beziehungsweise haben Sie bei diesem immensen Arbeitspensum überhaupt noch Zeit für irgendetwas anderes?

Prof. Jaroslav Šesták: Die Arbeit ist ein sehr wichtiger Teil meines Lebens, aber der Mensch lebt nicht nur, um zu arbeiten, wie ein bekanntes tschechisches Sprichwort besagt. In meiner Jugend habe ich Basketball gespielt, mich für das Bergsteigen interessiert, aber meine lebenslange Liebe gehört der Fotografie. Meine Arbeiten wurden bereits in zwanzig individuellen Ausstellungen über künstlerische Fotografie gezeigt. Meine Fotografien sind auch öfters Teil meiner Fachveröffentlichungen und im Speziellen als Titelbilder meiner Bücher zu finden. Sie müssen jedoch nicht Fachliteratur lesen, um auf meine Fotografien aus der ganzen Welt zu stoßen. 2014 habe ich ein Buch mit dem Titel „Durch die Welt eines Wissenschaftlers“ geschrieben und veröffentlicht, das 2015 als Buch des Jahres nominiert wurde; gegenwärtig arbeite ich an einem Buch mit dem Titel „Provídky”, das Reiseberichte, aber auch wissenschaftliche Essays enthält.

Miroslav KuleWas für ein erfülltes Leben – das ist in unserer heutigen hektischen Welt kaum noch vorstellbar. Aber wir kennen Sie und wissen, dass Sie sich auf Ihren Lorbeeren nicht ausruhen werden. Wie schauen Ihre jetzigen Pläne aus?

Prof. Jaroslav Šesták: Mein neues Projekt ist ein zusammenfassendes Buch mit dem einfachen Titel “Thermische Analyse”, das ich in Zusammenarbeit mit Ihrem Unternehmen – also mit Mitarbeitern von NETZSCH-Gerätebau – schreiben möchte und in dem ich einen vollkommen neuen und einzigartigen Ansatz zur Methodik der thermischen Analyse aufzeigen möchte, eingeteilt nach dem Einfluss und der Beobachtung von Temperaturänderungen in Thermostatik, Thermodynamik, Wärmelehre und Thermokinetik.

Miroslav KuleDas bedeutet jede Menge Arbeit für Sie und Ihre Kollegen! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg – insbesondere im nächsten Jahr, das ein Jubiläumsjahr für Sie sein wird – das Jahr Ihres 80. Geburtstags. Wir freuen uns darauf, Ihnen demnächst wieder zu begegnen – jedoch nicht nur in der Literatur, sondern auch persönlich auf Veranstaltungen, Konferenzen und Seminaren.

Für die Zukunft wünschen wir Ihnen beste Gesundheit!